Was ist eigentlich tropischer Regenwald?
Der tropische Regenwald wächst als immergrüner Gürtel in Ländern, die rund um
den Äquator liegen - weit weg von uns also. Er gedeiht nur dort, wo bestimmte
klimatische Voraussetzungen erfüllt sind. Das Klima des tropischen Regenwaldes
ist ein Tageszeitenklima, im Gegensatz zum Jahreszeitenklima in Mitteleuropa.
In den Tropen sind daher die täglichen Temperaturschwankungen größer als die
im Jahreslauf auftretenden Temperaturschwankungen. Die mittlere Jahrestemperatur
beträgt 25-28° C, die absoluten Minima liegen selten unter 15° C, Fröste treten
niemals auf. Wichtig sind darüber hinaus hohe, gleichmäßig verteilte Niederschläge.
In den meisten tropischen Regenwaldgebieten fallen zwischen 2.000 und 2.500
mm Niederschlag. Oftmals fallen die Niederschläge in Form sturzbachartiger Wolkenbrüche,
länger andauernde Landregen kommen nur selten vor.
Die tropischen Regenwälder zeichnen sich durch einen extremen Reichtum an Tier- und Pflanzenarten aus. Ging man bis vor wenigen Jahren im Regenwald noch von Artenzahlen aus, die maximal bis an eine Million heranreichten, sind die Wissenschaftler gegenwärtig überzeugt, daß wenigsten 20-30 Millionen (!) Organismenarten in diesem Lebensraum vorkommen. Nur die wenigsten davon sind den Biologen bisher bekannt. Jährlich werden Tausende von Arten neu entdeckt.
Wissenschaftler unterscheiden mehr als 40 Formen des tropischen Regenwaldes. Sie sind oft nur sehr schwer auseinanderzuhalten. Die drei wichtigsten Formen sind:
Dies ist die Form des Regenwaldes, die als "typisch" angesehen wird. Die Temperaturen liegen zwischen 25 und 27 Grad Celsius, die Niederschläge erreichen mindestens 1,8 Meter pro Jahr. Meist fallen sie während schwerer Gewitter am Nachmittag. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch (um 80 Prozent). Da diese Form des Regenwaldes die größte Verbreitung hat, beziehen sich die meisten in meinem Referat gemachten Aussagen auf immergrüne Tieflandregenwälder. Man unterscheidet völlig unberührten Primärwald und Sekundärwälder, die auf ehemaligen Rodungsflächen wachsen. Sie brauchen hunderte von Jahren, bis sie in der Vielfalt der Arten und der Struktur dem Primärwald wieder ähneln.
Sie kommen in 1.800 bis 3.500 Meter Höhe in tropischen Gebirgen vor. Auch hier herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit mit sehr viel Nebel. Es ist tagsüber warm, aber nachts kann die Temperatur bis auf den Gefrierpunkt fallen.
Sie liegen in nördlicher und südlicher Richtung weg vom Äquator, wo sich die Jahreszeiten wieder stärker ausprägen. So kommt es hier zu einer kurzen Trockenzeit, in der einige Bäume einen Teil ihrer Blätter abwerfen, nur das Unterholz und die Bodenpflanzen bleiben immer grün.
Man kann sich den tropische Regenwald wie ein Haus mit mehreren Stockwerken vorstellen.
Riesige Bäume, sogenannte "Überständer", die höher sind als alle anderen,
bilden das Dachgeschoß. Ihre Kronen ragen wie Inseln aus dem Blättermeer der
grünen Etagen. Sie erreichen eine Höhe von bis zu 60 Metern. Ihre mächtigen
Stämme können am Boden einen Durchmesser von 5 Metern haben.
Die Kronen der Überständer stehen isoliert und sind so hoch, daß sie nur von
wenigen Tieren erreicht werden können. Sie sind daher nur schwach besiedelt
und wenn, dann mit Tieren aus dem Obergeschoß.
Das Obergeschoß wir durch das gleichmäßige, fast geschlossene Blätterdach
der "normalen" Bäume gebildet. Sie liegt in 15 bis 45 Meter Höhe über dem Erdboden.
Das Blätterdach ist so undurchlässig, daß man darunter selbst starken Regen
erst nach einigen Minuten bemerkt, weil die Wassertropfen diesen dichten grünen
Teppich zunächst nicht durchdringen können. Das Blätterdach selbst ist lichtdurchflutet,
läßt aber wenig Sonnenlicht nach unten durch. Temperatur, Windgeschwindigkeit
und Luftfeuchtigkeit wechseln hier viel stärker als im "Erdgeschoß" darunter.
In diesem Obergeschoß leben zwei Drittel aller Tier- und Pflanzenarten des tropischen
Regenwaldes. Es ist daher besonders interessant. Es ist aber nicht einfach in
dieser Höhe Forschung zu betreiben! Erst in den letzten Jahren haben Wissenschaftler
die Wipfelregion des Regenwaldes erforschen können. Sie bauten sich mit Brücken
und einer Art von "Spinnennetz" ein Forschungslager in den Baumkronen. Ihre
Arbeit steckt noch in den Anfängen, ist aber für das Verständnis des Waldes
sehr wichtig.
Die meisten Lebewesen des Regenwaldes kommen im Kronendach der Bäume vor. Hier
bieten Blüten, Früchte und Blätter Nahrung im Überfluß. Tiere, die sie erreichen
wollen, müssen allerdings gut klettern oder fliegen können. Als die Regenwälder
Südamerikas noch völlig unzerstört waren, war es einem Affen theoretisch möglich,
auf Pfaden von Kolumbien bis Argentinien zu wandern, ohne auch nur ein einziges
mal den Boden zu berühren.
Die auffälligsten Säugetiere im Blätterdach sind die geschickt hangelnden Affen,
die oft zudem noch ein zusätzliche "Hand" in Form eines Greifschwanzes besitzen.
Trotz aller Geschicklichkeit stürzen aber auch sie manchmal ab, weil sie sich
an einem morschen Ast festgehalten haben oder weil eine Windbö sie aus der Bahn
wirft. Bei solchen Stürzen ziehen sich Affen oft Arm- und Beinbrüche zu, die
allerdings glücklicherweise meist schnell wieder verheilen und das Tier nicht
lange behindern.
Weniger flink, sogar sprichwörtlich langsam, ist das Faultier. Meist hängt es
mit seinen starken Krallen fast völlig bewegungslos an einem Ast. Oft ist sein
Fell mit Algen bewachsen, wodurch es eine grünlich-bräunliche Tarnfarbe annimmt.
So ist es für seinen Hauptfeind, die große Harpye nur schwer zu erkennen. Faultiere
sind harmlose Pflanzenfresser, die im Notfall mit ihren Krallen allerdings auch
kraftvoll zuschlagen können. Da sie hängend leben, scheitelt sich ihr Fell auf
dem Bauch, nicht wie normalerweise auf dem Rücken. So kann das Regenwasser von
dem Tier besser ablaufen.
Natürlich gibt es im Blätterdach auch eine Menge Vögel aller Größen, die oft
sehr bunt gefärbt sind. Sie ernähren sich von Früchten und Samen, wie die Aras,
Hornvögel und Tukane oder von Nektar, wie die blütenbestäubenden Loris, Nektarvögel
und Kolibris.
Eierfressende Schlangen suchen hier oben nach Vogelnestern, Würge- und Giftschlangen
lauern auf Beute. Bunte Frösche klettern durch die Äste. Unbeschreiblich ist
die Menge der Insekten. Die meisten von ihnen sind von der Wissenschaft überhaupt
noch nicht beschrieben. Es gibt sie in allen Formen und Farben, von Schmetterling
und Heuschrecke bis zur Wanze. Sogar typische Bodenbewohner wie Tausendfüßler,
Skorpione und Schaben haben das Blätterdach zu ihrer Heimat gemacht. In Humus,
der sich in Astgabeln ansammelt, leben Regenwürmer in luftiger Höhe.
Im Erdgeschoß unter dem Blätterdach ist es windstill und dämmrig. Feuchtigkeit
und Temperatur sind praktisch immer gleich. Wie eine grüne Decke schließt das
Kronendach die Luftfeuchtigkeit unter sich ein und fängt fast alles Sonnenlicht
ab. Nur noch 1 bis 2 Prozent des oben auftreffenden Lichtes erreichen den Waldboden.
Dort leben Pflanzen, die sich dem Dämmerlicht angepaßt haben, wie Pilze und
Farne, aber auch Blütenpflanzen. Viele Jungbäume warten auf eine Chance, zum
Licht emporzuschießen, sobald eine Lücke im Blätterdach entsteht. Viele dieser
schattenliebenden Gewächse sind, da sie recht anspruchslos sind, mittlerweile
als Zimmerpflanzen bei uns bekannt, z. B. Usambaraveilchen, viel Begonien und
der Philodendron. Aufgrund des fast völlig fehlenden Sonnenlichtes können auf
dem Boden des tropischen Regenwaldes nur wenige Pflanzen existieren. Es gibt
auch kein Gras. Daher ist die Nahrung für pflanzenfressende Tiere hier knapp.
Sie müssen weit verstreut leben, und man bekommt sie selten zu Gesicht. Manche
Arten, wie das Okapi, rupfen Laub von niedrigen Bäumen, andere, wie der Waldelefant,
suchen Lichtungen auf, um an ausreichend Futter zu gelangen. Wieder andere,
wie das Zwergflußpferd und die Capybaras, leben in Flüssen, in denen ausreichend
Wasserpflanzen als Nahrung zur Verfügung stehen. Raubtiere, wie Leopard und
Jaguar, die sich von Pflanzenfressern ernähren, sind ebenfalls selten, weil
ihnen ja nur wenig Beute zur Verfügung steht.
Viele Säugetiere, wie Duckerantilopen und Moschusböckchen, sind recht klein.
Sie werden von dem Wenigen dadurch schneller satt und können mit dem, was sie
finden, besser auskommen. Nur wirbellose Tiere, besonders Insekten, bevölkern
den Boden in Massen. Am wichtigsten sind hier Termiten. Diese ameisenähnlichen
Tiere können Holz verdauen, was sehr selten ist. Durch ihre Tätigkeit werden
tote Stämme und Äste schnell zersetzt. Die in ihnen enthaltenen Nährstoffe stehen
anderen Pflanzen somit wieder zur Verfügung.
Gefürchtet sind die Millionenheere der Treiberameisen. Sie ziehen in endlos
wirkenden Bändern durch den Wald, und vertilgen alles, was ihnen in den Weg
gerät. Ihre normale Beute sind Spinnen, Tausendfüßler und Insekten, sie fressen
aber auch kleine Säugetiere und Reptilien bei lebendigem Leib auf. Beim Auftauchen
von Treiberameisen hilft daher immer nur schnelle Flucht. Andere zu fürchtende
Bodenbewohner sind nicht Giftschlangen, sondern auch Blutegel, die in großen
Mengen auftreten. Im feuchtwarmem Klima des Regenwaldbodens können sie, normalerweise
Wasserbewohner, gut an Land leben.
Jedes der Stockwerke ist eine Welt für sich, mit einer eigenen Gruppe von Bewohnern.
Sie sind jeweils an die Lichtmenge, die Luftfeuchtigkeit und die Nahrung "ihres"
Stockes angepaßt. Selten verlassen sie ihre Etage, um in höhere oder tiefere
Ebenen vorzudringen.
In jeder Minute werden Regenwaldflächen in der Größe von 50 Fußballfeldern vernichtet. Wenn die Zerstörung in diesem Tempo weitergeht, wird der Wald im Jahr 2000 von der Erde verschwunden sein. Mit ihm sterben unvorstellbar viele Lebewesen: Man schätzt, daß jährlich 500 bis 1000 Tier- und Pflanzenarten allein in den Regenwäldern für immer ausgerottet werden. Die Gründe, warum die Menschen den Wald venichten, sind vielfältig:
Die Regenwaldstaaten sind Länder mit einem sehr hohen Bevölkerungszuwachs.
Für immer mehr Menschen muß Nahrung und Wohnraum beschafft werden. Daher wird
versucht, den Wald zu besiedeln. Diese Siedler fällen die Bäume, soweit ihnen
das mit den wenigen Werkzeugen, über die sie verfügen, möglich ist, und verbrennen
sie dann. Durch das Feuer werden die in den mächtigen Stämmen gebundenen Nährstoffe
frei. Auf der fruchtbaren Asche werden Nutzpflanzen angebaut. Aber schon nach
ein oder zwei Ernten ist der Boden erschöpft, die Nährstoffe sind verbraucht.
Wird der Wald abgeholzt, wird der Nährstoffkreis zerstört. Die angebauten Pflanzen
werden geerntet und abtransportiert, sie geben dem Boden also die Nährstoffe
nicht zurück. Ohne den Schutz der großen schattenspendenden Bäume und ihrer
Wurzeln, die die Erde festhalten, trocknet der Boden aus und wird fortgespült.
Nach zwei Jahren ist das Land unfruchtbar, es kann keine Ernte mehr hervorbringen.
Die Siedler müssen weiterziehen und ein anderes Stück Regenwald roden, das dann
auch nach wenigen Jahren unwiderruflich zerstört ist. Zurück bleibt unfruchtbares
Ödland, das der Wald nicht wieder zurückerobern kann. Nur wenn die gerodeten
Flächen sehr klein sind, kann der Wald die Lücken wieder schließen, aber erst
nach Hunderten von Jahren.
Gleich schlimm ist, daß die meist stark verschuldeten Regierungen der Regenwaldländer
riesige Gebiete an ausländische Firmen verkaufen, um so an dringend benötigtes
Geld heranzukommen. Vor allem in Südamerika haben kapitalkräftige Firmen große
Regenwaldgebiete vernichtet, um darauf Plantagen und Rinderfarmen anzulegen.
Auf den Plantagen werden Bananen, Ananas, Ölpalmen, Soja und andere Früchte
angebaut. Die Rinderfarmen müssen besonders groß angelegt werden, weil jedes
Tier viel Weidefläche braucht, um satt zu werden. Fast alle auf den ehemaligen
Waldflächen erzeugten Produkte werden in die Industrienationen exportiert, in
denen ohnehin Nahrung im Überfluß vorhanden ist. Der Erlös aus all diesen Verkäufen
bringt Devisen, mit denen die Regenwaldländer aber meist gerade nur ihre Schulden
an die Industriestaaten zurückzahlen können.
Die sogenannte "Erschließung" brachte viele Menschen in den Regenwald. Sie
alle versprachen sich von seinen scheinbar unermeßlichen Schätzen Reichtum und
ein besseres Leben. Fast alle wurden jedoch enttäuscht.
Meist kommen zuerst Goldgräber. Sie versuchen, mit flachen Pfannen Goldstaub
aus den Flüssen zu waschen. Bald werden tiefe Gruben angelegt, um mehr Gold
zu finden. Um es von wertlosen Bestandteilen zu trennen, wird es mit Hilfe von
Quecksilber gereinigt. Dies flüssige Metall ist hochgiftig. Es schädigt nicht
nur die Gesundheit der Goldsucher, sondern gelangt über das Waschwasser in die
Flüsse und vergiftet so riesige Landstriche.
Zur Gewinnung von Bodenschätzen im großen Stil haben die Regierungen mehrerer
Regenwaldstaaten zur Zeit einige Projekte in Angriff genommen, die zur Zerstörung
riesiger Waldgebiete führen werden. Zur Energieversorgung der Industrie, die
die Bodenschätze verarbeiten soll, sind riesige Staudämme geplant. Der Wald,
der hier überflutet oder abgeholzt wird, ist die Heimat mehrerer Indianerstämme,
die sich mit dem Slogan "Ihr habt die Welt, laßt uns den Wald" verzweifelt gegen
die Zerstörung ihrer Heimat wehren.
Tropische Hölzer wie Mahagoni, Teak und Ebenholz sind schon seit Jahrtausenden sehr gefragt und werden auf dem Weltmarkt teuer bezahlt. Bis zur Erfindung der Kettensäge war es sehr schwer, einen tropischen Baum zu fällen. Selbst gute Äxte kamen gegen die extrem harten Stämme nicht an. Aber man scheute keine Mühen, um an das schöne Holz zu gelangen. Es zeigt sehr lebhafte Farben und eine interessante Maserung. Außerdem eignet es sich sehr für Bauten, da es aufgrund seiner natürlichen Öle Insektenfraß und Verwitterung weitgehend trotzt. Meist wird nicht ein ganzes Waldstück eingeschlagen, sondern nur einige kostbare Bäume aus dem Bestand herausgeholt. Warum kann der Regenwald diese winzigen Lücken nicht verkraften? Eigentlich wäre der Einschlag von nur wenigen, teuren Bäumen unter Schonung aller anderen doch eine gute Nutzungsmethode! Leider ist das nicht so einfach. Um die gefällten Stämme abzutransportieren, müssen Straßen in den bis dahin unberührten Wald gebaut werden. Lastwagen bringen den Stamm in oft tagelanger Fahrt zum Sägewerk oder zum Hafen am Meer. Beim Fällen und beim Abtransport auch nur eines gewinnbringenden Baumes werden bis zu 75 Prozent des umgebenden Waldes mitzerstört. Auf den Wegen, die die Raupenschlepper schaffen, folgen dann Siedler, die den Wald weiter zerstören, indem sie rechts und links der Straße Ackerflächen anlegen und sich Häuser bauen. Um ihren Fleischbedarf zu decken, jagen sie die Tiere des Waldes. Die Holzfirma zieht weiter, da sie in diesem Gebiet alle für sie interessanten Hölzer eingeschlagen hat und zerstört mit ihren Er schließungsstraßen andere, bis dahin unberührte Teile des Waldes. Nach zwei oder drei Ernten ist der Boden ausgelaugt. Das Land wird zur Wüste.