Der Luftkrieg über Karlsruhe

von Christoph Ohlrogge

Karlsruhe wurde im Vergleich zu anderen Städten durch den Luftkrieg relativ wenig getroffen, sie ist auch die Stadt mit dem geringsten Zerstörungsgrad in Karlsruhe. Dies liegt vor allem daran, dass sich die Luftangriffe auf Karlsruhe über die gesamte Dauer des Krieges verteilten. Daher hatte die Bevölkerung Zeit genug, um Routine im Umgang mit den Angriffen zu bekommen, und sich so selbst besser schützen zu können.
Am 3. September wurde zum ersten Mal ein Angriff nach dem "Pfadfinderverfahren" geflogen, das Ziel war Karlsruhe. Bei dieser Methode flogen besonders ausgebildete Besatzungen in speziell ausgerüsteten Maschinen der Bomberformation voraus und markierten das Ziel mit Boden- und Himmelsmarkierungen (Christbäumen). Die Bomberflotte musste nun nicht mehr Zeit mit der Zielsuche vergeuden, sondern konnte das Angriffsgebiet relativ schnell und sicher durchfliegen.
Der Großangriff des 3. Septembers war für die Royal Air Force ein voller Erfolg. 73 Menschen starben, und es gab 711 Verletzte. Anscheinend ist der Zielpunkt das Mühlburger Tor gewesen. Die Weststadt wurde besonders schwer getroffen. In der oberen Körnerstraße richtete die erste 4-Tonnen-Luftmine des Krieges große Schäden an, und die Reinhold-Frank-Straße glühte fast völlig aus. Dies hatte allerdings auch sein Gutes, denn durch die vielen ausgebrannten Häuser und die breiten Straßen konnten sich die Zeilenbrände nicht ausbreiten.
In Erwartung eines neuen Großangriffes wurde die Karlsruhe Flugabwehr auf 20 Batterien verstärkt, denen es gelang, am Nikolausabend 1942 einen weiteren Großangriff erfolgreich zurückzuschlagen.
Das Jahr 1943 verlief überraschenderweise ohne größere Luftangriffe. Die Bevölkerung verbrachte daher die Zeit damit, die Stadt auf weitere Angriffe vorzubereiten, Sammelplätze zu kennzeichnen und Löschwasserschächte anzulegen.
Am 25. April 1944 gab es einen erneuten Großangriff gegen Karlsruhe, der jedoch ein absoluter Mißerfolg für die Briten war. Durch starken Wind wurden die Himmelsmarkierungen in Richtung Nordosten abgetrieben. Weil der Himmel stark bewölkt war, mussten die Sichtmarkierer tiefer fliegen als gewöhnlich, um die Bodenmarkierungen anzubringen, und boten daher der Flak, die genau in der Einflugschneise stand, ein gutes Ziel. Das Resultat war daher ein nicht richtig markiertes Zielgebiet, so dass jede Bomberbesatzung nun nach eigenem Ermessen entweder die falsch liegenden Bodenmarkierungen oder die abgetriebenen Himmelsmarkierungen bombardierte. Im Stadtgebiet traten daher nur minimale Schäden auf, dagegen wurden die östlichen Randbezirke Rintheim und Hagsfeld besonders schwer getroffen.
Am 27. Mai 1944 wurde die Ausfahrgruppe Ost des Verschiebebahnhofs schwer getroffen. Durch Fehlwürfe wurden die Evangelische Stadtkirche und das Gottesauer Schloß zerstört. Die Aliierten wollten den Eisenbahnverkehr nach Frankreich als Vorbereitung für die Invasion unterbinden.
Die Angriffsmethode des "Todesfächers" wurde beim Angriff des 27. Septembers 1944 angewandt. Dabei markierte das Leitflugzeug einen Punkt vor dem eigentlichen Zielgebiet. Der Bomberstrom überflog nun diese Stelle und klinkte dann die Bomben nach einer genau berechneten Zeitspanne aus. Ergebnis waren höchste Verluste an Menschen und Gebäuden im Zielgebiet, allerdings nur bei schwach verteidigten Gegenden. War nämlich die Zielmarkierung der Flak bekannt, konnte sie über diese Markierung ein Sperrfeuer legen und so die Flugzeuge zum pendeln zwingen.
Der Angriff am 27. September überraschte die Bevölkerung völlig. In der Nacht hatte es schon mehrfach Fliegeralarm gegeben, und so hielten die Anwohner den Alarm um 5.00 Uhr morgens nur für eine Warnung vor zurückfliegenden Flugzeugen, und suchten größtenteils nicht die Luftschutzkeller auf, als 248 britische Bomber die Markierung auf dem Engländerplatz anflogen und einen großen Todesfächer ausbreiteten. Zum Großteil warfen die Flugzeuge Brandbomben ab, so dass bald ein riesiges Flammenmeer von der Oststadt bis nach Mühlburg entstand. Es gelang jedoch den Selbstschutzkräften, viele der Brandherde zu ersticken, bevor sie gefährlich werden konnten, und auch die vielen über die Stadt verteilten Häuserruinen verhinderten die Ausbreitung des Feuers. Auch fehlten in Karlsruhe die Voraussetzungen für einen Feuersturm, weil die Tagestemperatur unter 20 °C lag.
Da dieser Angriff nicht die erwünschte völlige Zerstörung der Stadt gebracht hatte, befahl Luftmarschall Harris dem Bomber Command erneut den Auftrag zu einem Großangriff. Am 4. Dezember 1944 bot er insgesamt 989 Bomber auf, die mit Hilfe von elektronischer Kriegsführung die Karlsruher Flak überlisten und um 19.30 Uhr die Stadt angreifen sollten. Der starke Rückenwind beschleunigte aber die Bomberflotten so sehr, dass sie bereits um 19.28 Uhr mit den Bombenabwürfen begannen, bevor die Ziele richtig ausgeleuchtet waren. Zusätzlich erschwerte die starke Bewölkung das Erkennen der Markierungen.
Die Schäden waren dennoch schwer, und es gab 375 Tote, mehr als bei jedem anderen Angriff. Das Ziel "complete destruction" war jedoch nicht erreicht worden.
Am 2. Februar 1945 wurde wieder ein Todesfächer über der Stadt ausgebreitet, jedoch machte das Wetter den Angreifern wieder einen Strich durch die Rechnung. Die Himmelsmarkierungen wurden nach Nordosten abgetrieben, so dass hauptsächlich die Landgemeinden und Bruchsal getroffen wurden. 14 britische Bomber wurden von deutschen Nachtjägern abgeschossen. Nach diesem erneuten Fehlschlag wurden die Luftangriffe auf Karlsruhe eingestellt, und die Royal Air Force wandte sich lohnenderen Zielen zu.
Am 4. April 1945 marschierte die französische Armee in Karlsruhe ein und machte dem Schrecken der Luftangriffe damit ein Ende. Insgesamt waren 1501 Menschen durch die Luftangriffe getötet worden, 7790 Gebäude waren zerstört, 20735 standen nur noch teilweise.