Entnazifizierung

von Fabienne Wangler

Vorbemerkung
Vorab möchte ich einige Dinge berichten, die mit der " eigentlichen "Entnazifizierung" noch nicht viel zu tun haben, die ich aber für sehr wichtig halte.
Als die späteren Oberbefehlshaber Deutschlands 1945 in Deutschland ankamen, egal ob Franzosen, Engländer, Amerikaner oder Russen, um dem Treiben der Nazis ein Ende zu setzen, fanden sie unzählige KZs vor, die die Vorstellungskraft eines jeden Pessimisten übertrafen. In den Lagern fanden sie Halbverhungerte und Kranke. Die Strassen/Gassen waren mit Leichen gepflastert, die an der Stelle verweilen mussten, wo sie zusammengebrochen waren. Als die Deutschen merkten, dass es Zeit war die Spuren zu verwischen, liefen die Verbrennungsöfen Tag und Nacht, jedoch ohne Erfolg.
Viele Soldaten, vor allem die, die als erste eintrafen, waren geschockt, sie konnten nicht fassen, als sie es sahen, all diese gebrochenen Menschen, einige mussten weinen, andere mussten sich übergeben, aber eines hatten alle gemeinsam: Der Hass auf die Nazis wuchs.
Man kann sich nicht darüber wundern, wie das deutsche Volk damals in der Öffentlichkeit (Ausland) dastand. Keiner konnte und wollte glauben, dass niemand etwas gewusst haben soll.
So zwangen die Amerikaner z. B. die Bevölkerung aus Dachau das dortige KZ zu besichtigen. Diesmal mussten sie hinsehen.
Die restlichen Deutschen wurden zum Kinobesuch "geladen", um zu sehen was ihr Fanatismus angerichtet hat.
Unter Entnazifizierung versteht man die Maßnahmen und Verfahren gegen die Mitglieder der NSDAP und ihrer Organisationen, um sie aus politischen, staatlichen und wirtschaftlichen Stellungen auszuschließen und sie je nach ihrer Verantwortlichkeit zu bestrafen.

Zwischen dem 17. Juli und dem 2. August 1945 ging es um das Schicksal der Deutschen. Bei der Potsdamer Konferenz, welche die letzte der Alliierten war, entschieden Stalin, der neue amerikanische Präsident Truman ( seit April 45 im Amt) und der britische Premierminister Churchill, der später wegen Abwahl von Attlee vertreten wurde, was zu tun sei.
Im Potsdamer Abkommen wird die Übernahme der Besatzungsmächte über die Regierungsgewalt und die Einrichtung des Kontrollrats legitimiert. Ebenfalls enthält das Potsdamer Abkommen die Entwaffnung Deutschlands und die Beseitigung jeglicher Naziorganisationen und endgültige Zerschlagung der NSDAP; die Auflösung der Wehrmacht und aller militärischer Organisationen werden beschlossen.
Man ist sich nur bei einer Sache einig: Die Deutschen brauchen Entmilitarisierung, Entnazifizierung, Dezentralisation in Staat und Wirtschaft sowie Demokratisierung.
Die restlichen Vorstellungen waren vor allem bei West und Ost sehr unterschiedlich. Der Krieg mit Japan erleichterte das Verhältnis auch nicht besonders.
Nach Vereinbarung des Potsdamer Abkommens, das auch "Bodenfragen" lösen sollte, verlor Deutschland 25% Territorium.

Plakate zur Entnazifizierung in Karlsruhe: 8. Mai 1945 (2x), o. Datum

Unterschiedliche Verfahrensweisen der Alliierten

Zu Beginn versuchten die Alliierten (alle) die Nazis zu verhaften und so zu bestrafen, doch dies war viel zu aufwändig und recht ergebnislos, da viele gleich wieder entlassen wurden. Also mussten sie sich etwas neues einfallen lassen. Am 5.3.1946 wurde von den Amerikanern das Gesetzt zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus erlassen und in den anderen Zonen ebenfalls angewendet.
Die Kontrollratsdirektive Nr. 38 vom 12.10.46 stufte die Betroffenen in fünf Kategorien:
Westmächte: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete
Sowjetische Zone: Hauptverbrecher, Verbrecher Stufe 1, Verbrecher Stufe 2, Mitläufer, Entlastete

Um die Deutschen kategorisieren zu können, entwickelten die Amerikaner einen Fragebogen (S.1 , S.2 , S.3 , S.4 , S.5 , S.6 , S.7 ) , der genaue Angaben zur Person forderte. Nichts blieb geheim, alles musste offengelegt werden: politische Vergangenheit, Bildungs- und Vermögensstand. So fielen im März 1946 allein in der amerikanischen Zone 1,4 Mio. Bogen an; insgesamt waren es 13 Mio. in der US-Zone, von denen 3,5 Mio. zu Verhandlungen führten.
Im März 1946 übertrugen die Amerikaner mit dem "Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus" die Entnazifizierung an die Deutschen.

Meldebogen nach dem oben genannten Gesetz, 17. April 1946

Spruchkammern entschieden, in welche Kategorie wer fiel, und verurteilten ihn entsprechend. Als Sanktionen gab es Freiheitsentzug, Vermögensverlust, Berufsverbot, Amts- oder Pensionsverlust, Geldbußen, u.ä. .
Jeder Deutsche ab 18 Jahren war übrigens dazu verpflichtet einen solchen Bogen auszufüllen, ansonsten bekam man weder Arbeit noch Lebensmittelkarten. Da die meisten Leute jedoch mit Hilfe von Leumundszeugnissen ("Persilscheine") oder Korruption ihre "Unschuld" "beweisen" konnten, waren die Spruchkammerverfahren fragwürdig. 1948 beendeten die Amerikaner ihre Aufsicht über die Spruchkammern, worauf hin diese "einschliefen".

Ministerium für politische Befreiung: Bekanntgabe über die Spruchkammerverfahren (o. Datum)

Die britische und die französische Zone hatten die selben Methoden, allerdings waren sie nicht ganz so schnell und konsequent wie die Amerikaner.
Insgesamt gilt die Entnazifizierung in den Westzonen als gescheitert; spätestens seit 1948 gelangten ehemalige Nationalsozialisten in großem Stil wieder in ihre politischen oder wirtschaftlichen Führungspositionen zurück.

In der Sowjet-Zone war man jedoch viel schneller und rigoroser mit der Entnazifizierung beschäftigt. Bereits im August 1945 waren bereits alle NSDAP-Leute, die SS und die SA und die Offiziere der Wehrmacht gesucht und notiert worden. Ein großer Teil wurde verhaftet. Bis 1948 wurden 500 000 Bürger aus den öffentlichen Ämtern entfernt, z.B. Richter und Lehrer. Die Sowjetunion betrachtet die Entnazifizierung jedoch primär als einen Teilaspekt der gesellschaftlichen Umwälzung im kommunistischen Sinne. Die Besetzung der Ämter mit "umerzogenen" Deutschen war ein voller Erfolg. Das Volk wurde befragt, ob "Belastete" ihren Besitz, d.h. Betrieb, abgeben sollen oder nicht, also ob der Besitz verstaatlicht werden soll oder nicht. Sie erhielten 77% Ja-Stimmen.
Wie schnell die Umstrukturierung stattfand, sieht man daran, dass die sowjetische Zone 1948 ihre Entnazifizierung als abgeschlossen bezeichnen kann.

Nürnberger Prozesse

Im internationalen Militärsgerichtshof in Nürnberg wurde das Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher geführt. Hier arbeiten die Alliierten alle zusammen. Die Nürnberger Prozesse fanden 1945/46 statt. Anklage und Urteil hatten als Rechtsgrundlage das Statut des Gerichtshofs, das Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeitsverbrechen unter Strafe stellte.
Die Alliierten unterschieden zwischen nicht ortsgebunden Hauptkriegsverbrechern (NS - Führungsspitze) und Nazis, deren Verbrechen in bestimmten regionalen Bereichen begangen wurden (Gauleiter, Personal von Konzentrationslagern). Der internationale Gerichtshof klagte insgesamt 177 Personen an. Hiervon wurden 24 zum Tode verurteilt und 12 hingerichtet.
Angeklagt waren 24 führende Angehörige der NSDAP, des Staats und der Wehrmacht und gegen 6 als verbrecherisch bezeichnete Organisationen.
Es wurden 12 Todesurteile gesprochen, von denen allerdings nur 10 vollstreckt wurden. Ribbentrop (Hitlers Außenminister), Jodl, Keitel, Rosenberg, Seyß-Inquart, Sauckel, Frick, Kaltenbrunner, Frank und Streicher waren die Betroffenen.
Ley brachte sich vor, Goering nach den Urteil um. Bormann wurde in Abwesenheit verurteilt.
Die zu Freiheitsstrafen verurteilten: von Neurath, Raeder, Dönitz, Funk, Heß, von Schierach und Speer wurden in Spandau interniert; sie waren (September 1973) bis auf Heß alle entlassen. Schacht, von Papen und Fritzsche wurden freigesprochen.
Zwischen 1947 und 1949 fanden 12 weitere Prozesse statt. Zwar verhandelten nur die Amerikaner, die Gerichte wurden jedoch als internationale Militärsgerichtshöfe gesehen. Grundlage dafür war das Kontrollratsgesetz Nr. 10.
Wichtige Prozesse:
Pohl-Prozess (gegen Angehörige des Wirtschafts- und Verwaltungsmannes der SS), IG-Farben-Prozess, Generals-Prozess (gegen die Südostgeneräle), RuSHA-Prozess gegen die Angehörigen des Rasse- und Siedlungshauptamt der SS, Ohlendorf-Prozess gegen Angehörige der Einsatztruppen der SS, Krupp-Prozess, Wilhelmstraßen-Prozess gegen Angehörige des Auswärtigen Amts und anderer hoher Reichsbehörden.
Nachfolgeprozesse gegen hohe Militärs, leitende Beamte, Juristen, Diplomaten, SS - Ärzte und SS - Lagerleiter, KZ-Aufseher zogen sich noch Jahre danach hin. Insgesamt wurden von den Besatzungsgerichten in allen Zonen 5.025 Personen verurteilt und davon 486 hingerichtet.
Von Gerichten der Bundesrepublik wurden bis 1965 12870 Personen verurteilt, von den Gerichten der DDR "nur" 11115 (Verhältnis BRD:DDR = 3:1). Andere Schätzungen gehen von 45000 Verurteilungen in der SBZ aus.